22.02.2021

Zeis: „Ein Plädoyer für die eigenverantwortliche Organisation im öffentlichen Sektor“

PUBLICUS-Umfrage zur Lehre in der Pandemie – Folge 11

Zeis: „Ein Plädoyer für die eigenverantwortliche Organisation im öffentlichen Sektor“

PUBLICUS-Umfrage zur Lehre in der Pandemie – Folge 11

Ein Beitrag aus »Publicus – Schwerpunkt Corona« | © Mike Fouque - stock.adobe.com / RBV
Ein Beitrag aus »Publicus – Schwerpunkt Corona« | © Mike Fouque - stock.adobe.com / RBV

Die Pandemie verändert die Lehre, das Lernverhalten und das Miteinander von Lehrenden und Studierenden. Im Rahmen dieser PUBLICUS-Umfrage haben wir Lehrende zu ihren konkreten Erfahrungen und Eindrücken mit der veränderten Lehrsituation befragt. Heute: Prof. Dr. Adelheid Zeis, Frankfurt University of Applied Sciences.

 

Was sind die für Sie wesentlichen Erfahrungen, die Sie in den letzten Monaten mit dem Online-Unterricht gemacht haben?

Zeis: Mich hat sehr positiv überrascht, wie gut die Organisation Hochschule mit der Herausforderung Umstellung auf Online fertig geworden ist. Bei uns gab es nicht nur schnelle Entscheidungen der Leitungsorgane und Antizipation von Problemen; auch Mitarbeiter in der Technik und Verwaltung haben durch die Beschaffung von Headset-Kabel-Steckverbindungen, Klärung von Datenschutzrechtsfragen, Anleitungen zur Erstellung von Lehrvideos und vieles mehr den Dozenten die Umstellung in kürzester Zeit ermöglicht. Im Vergleich zum Bild, das die Schulen abgegeben haben, für mich ein Plädoyer für die eigenverantwortliche, sich selbst steuernde Organisation im öffentlichen Sektor.


Nennen Sie bitte die dabei für Sie wichtigsten Unterschiede gegenüber der Präsenzlehre.

Zeis: Für die höheren Semester habe ich meine Lehrmethode vollständig umgestellt. Normalerweise entwickle ich den Stoff im Dialog mit den Studierenden, Anwendungsfälle sind dem häuslichen Studium überlassen, ich erstelle dann wieder in Präsenz Musterlösungen. Jetzt vermittle ich den Stoff in Lehrvideos, die Präsenzveranstaltung beginnt mit der Wissensabfrage der Inhalte mittels eines audience response Systems, angewendet wird es live in Kleingruppen und ich versuche so gut wie möglich individuell zu coachen.

Welche technischen Hilfsmittel und Systeme kommen aktuell zum Einsatz, um Onlineveranstaltungen abzuhalten? Mit welchen Tools haben Sie persönlich dabei die besten Erfahrungen gesammelt?

Zeis: Wir halten die Lehrveranstaltungen über zoom, Lehrvideos produziere ich mit Hilfe von Camtasia, Materialien und Informationen werden über moodle an die Studierenden verteilt und Abfragen gestalte ich mittels mentimeter. Ich komme damit sehr gut zurecht.

Gab es Schwierigkeiten bei Klausuren und mündliche Prüfungen, die unter veränderten Bedingungen abgehalten werden mussten? Wenn ja: Welche?

Zeis: Mir fehlt etwas, wenn ich nach Abschluss des Kolloquiums zur Bachelor-/Masterthesis nicht aufstehen und dem Kandidaten zur Gratulation die Hand drücken kann, aber abgesehen von solchen Ritualen funktionieren mündliche Prüfungen sehr gut.

Dieses Semester hat sich unser Fachbereich entschieden, keine Klausuren in Präsenz anzubieten. Alle Klausuren mussten auf andere Prüfungsformen umgestellt werden. Zumeist sind das sog. Open-Book-Klausuren, der Kandidat sitzt ohne Überwachung zuhause, lädt sich zum Termin die Aufgabenstellung herunter, fertigt handschriftlich seine Klausur, fotografiert sie ab und lädt seine Bearbeitung und eine Erklärung zur Eigenständigkeit wieder hoch. Alle Hilfsmittel sind erlaubt, aber natürlich nicht die Zusammenarbeit oder Hilfe anderer. Der Prüfer muss dafür seinen Ansatz anpassen. Für die reine Wiedergabe von Wissen kann es keine Punkte geben. Transfer ist gefragt. Gleichzeitig wird er versuchen, die Prüfungszeit gut zu füllen, um auch guten Studierenden keine Gelegenheit zur Unterstützung von Kommilitonen zu geben.

Die Studierenden haben Sorge von Transferanspruch und Zeitdruck überfordert zu werden, wir Prüfer befürchten massenhafte Täuschungsversuche. Die ersten ganz wenigen Rückläufe, die ich gesehen habe, bestätigen keine Befürchtung, aber das Gros steht noch aus.

Wie haben sich die Leistungen und Lernerfolge der Studierenden im Zusammenhang mit der Online-Lehre entwickelt?

Zeis: Die Leistungsnachweise im letzten Sommersemester liegen im Rahmen der Vorjahre, allerdings war ein gewisses Entgegenkommen bei den Prüfern als Kompensation für die Anlaufschwierigkeiten spürbar.

Gibt es praktische Erfahrungen, die sich dauerhaft auf die Präsenz-Lehre nach überstandener Pandemie übertragen lassen?

Zeis: Für Wiederholungs- und Wissensfragen sind audience response Systeme, die eine anonymisierte Teilnahme aller ermöglichen, für die Studierenden attraktiver und für den Dozenten aufschlussreicher als Fragen ans Publikum, auf die sich die üblichen Verdächtigen melden.

Wie lauten die drei persönlich wichtigsten Schlagworte, die Ihnen im Kontext der Online-Lehre einfallen?

Zeis: Funktioniert sicher gleich…

 

© privat

Zur Person:

WP/StB Prof. Dr. Adelheid Zeis mag. rer. publ. ist Professorin für Öffentliches Recht an der Frankfurt University of Applied Sciences (Nein, sie hat keinen deutschen Namen mehr) und leitet dort die Studiengänge Public Administration (dual) sowie Public und Non-Profit Management.

Sie studierte in Konstanz, Paris, Speyer und Tübingen Rechts- und Verwaltungswissenschaften. Nach einigen Jahren bei der Bundesanstalt für Arbeit wechselte Sie zum Bayerischen Kommunalen Prüfungsverband, bevor Sie 2009 nach Frankfurt berufen wurden. Ihre Themen sind insbesondere das Haushalts- und Bilanzrecht von Gebietskörperschaften und das Unternehmensrecht der öffentlichen Hand. In Nebentätigkeit ist Sie für den Bereich Public Services der Deloitte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft tätig.

Zur Hochschule:

Die Frankfurt University of Applied Sciences, früher Fachhochschule Frankfurt, begeht in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Mittlerweile studieren rund 16.000 Menschen auf dem Campus am Nibelungenplatz in der Frankfurter Innenstadt. 262 Professorinnen und Professoren, 595 Lehrbeauftragte und 673 Mitarbeitende lehren, forschen und arbeiten für die Hochschule. Vier Großfachbereiche bieten rund 70 Studiengänge mit technischer, wirtschaftlich-rechtlicher und sozialer Ausrichtung an.

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