13.01.2023

Drogen in Koblenz und Umgebung

Abwasseranalyse auf Rückstände von Kokain-Konsum

Drogen in Koblenz und Umgebung

Abwasseranalyse auf Rückstände von Kokain-Konsum

Drogen im Abwasser | © Africa Studio – stock.adobe.com
Drogen im Abwasser | © Africa Studio – stock.adobe.com

Das Institut für sozialwissenschaftliche Forschung und Weiterbildung des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz führte gemeinsam mit den Klärwerken Koblenz und Neuwied I ein kriminologisches Forschungsprojekt „Drogen in Koblenz und Umgebung – Abwasseranalyse auf Rückstände von Kokain-Konsum“ durch. Die Messergebnisse wurden dankenswerterweise von der Bundesanstalt für Gewässerkunde zur Verfügung gestellt.

Analyseparameter

Die Analyse erfolgte anhand der Standards des European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA, Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht), welche seit einigen Jahren in vielen Städten Europas Abwasseruntersuchungen auf Drogenrückstände durchführen lässt. Im gleichen Forschungsumfeld ist die Sewage Analysis Core Group Europe SCORE angesiedelt.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Untersuchung nicht im Rahmen des EMCDDA-Monitoring-Systems erfolgte, sondern es sollte zunächst einmal nur erforscht werden, ob im hiesigen Bereich überhaupt ein relevanter Drogenkonsum gegeben ist.


Die Untersuchung wurde auf die illegale Droge Kokain ausgerichtet. Andere Betäubungsmittelrückstände wurden nicht ermittelt. Hierfür war maßgebend, dass bei anderen Drogen wie Cannabis, Opiaten und Amphetaminen ein legaler Gebrauch im medizinischen Sektor vorhanden ist, so dass insoweit Drogenrückstände im Abwasser nur schwerlich Rückschlüsse auf den Konsum illegaler Drogen zulassen. Bei Kokain ist demgegenüber keine legale Verwendung bekannt.

Die Probenahme wurde während einer Trocken-Wetter-Periode vom 8. – 14. März 2022 durchgeführt. Die Abwässer wurden auf Kokain, Benzoylecgonin (BE: Abbauprodukt nach Kokaingenuss), Cocaethylen (Abbauprodukt nach gleichzeitigem Genuss von Kokain und Alkohol) und Levamisol (Kokain-Streckmittel) untersucht.

Ergebnis der Studie

Nach der Laborauswertung ergibt sich im Untersuchungszeitraum für den Raum Koblenz/Neuwied eine durchschnittliche Benzoylecgonin-Tagesfracht von etwa 276,18 Milligramm/Tag/1000 Einwohner.

Bezieht man diverse Unsicherheitsfaktoren mit ein, lag die mittlere Tagesfracht von Benzoylecgonin in Koblenz/Neuwied I im Beprobungszeitraum im Bereich von 113 bis 439 Gramm/Tag/1000 Einwohner und damit in einer im Vergleich zu anderen deutschen und europäischen Städten darstellbaren Größenordnung (Abbildungen 1 und 2).

Durch die mittlere Tagesfracht des Kokain-Metaboliten Benzoylecgonin lässt sich unter Annahme einer bestimmten Umsetzungsrate im Körper auch der Kokainkonsum abschätzen. Entsprechend des Vorgehens der EMCDDA wurde ein Faktor von 3,59 zur Umrechnung angenommen.

Daraus ergibt sich für den Beprobungszeitraum ein Kokainkonsum zwischen 0,4 und 1,6 Gramm pro Tag auf 1000 Einwohner.

Im Folgenden ein Vergleich mit den von der EMCDDA im Jahre 2021 erhobenen Daten anderer Städte:

Abbildung 1: Durchschnittliche Benzoylecgoninfracht in Milligramm pro Tag pro 1000 Einwohner im Vergleich deutscher Städte

Abbildung 2: Ermittelte Fracht von Benzoylecgonin in Milligramm im Kläranlagenzulauf pro 1000 Einwohner pro Tag (mg/d/1000) in ausgewählten deutschen und europäischen Städten.

Kriminologische Bewertung

1. Die Kokainbelastung in Koblenz und Neuwied unterscheidet sich nicht wesentlich. Auch sind in beiden Städten ein gesteigerter Kokainkonsum am Wochenende sowie ein gleichzeitiger Konsum von Kokain und Alkohol am Wochenende feststellbar, was durch entsprechend erhöhte Benzoylecgolin- und Cocaethylen-Werte nachgewiesen wurde. Dies lässt sich mit einem verstärkten Besuch von Gaststätten, Clubs und Partys in dieser Zeit erklären. Im Vergleich zu anderen Städten und im Rahmen der oben skizzierten Unsicherheiten deuten die Daten auf einen in der Größenordnung erwartbaren Konsum hin.

2. Leichte Verfügbarkeit: Koblenz und Neuwied bilden einen Verkehrsknotenpunkt in Nord-Süd- und in Ost-West-Richtung. Hierzu zählen die Autobahnen, Bahnstrecken und die Wasserstraßen. Entlang dieser Verkehrswege werden alle Arten von Drogen transportiert, was die polizeilichen Zugriffe zeigen. Hierbei kommt es auch zu einer erhöhten Verfügbarkeit von Drogen in der Region zu vergleichsweise günstigen Preisen.

3. Nach Auskunft des Polizeipräsidiums Koblenz liegt der Preis im illegalen Straßenverkauf bei 70 € pro Gramm Kokain. Dies liegt etwas unter dem Durchschnittswert für Deutschland, den das Bundeskriminalamt für 2020 mit 72,90 € pro Gramm ermittelt hat. In Antwerpen oder Amsterdam werden erheblich niedrigere Preise verlangt, was damit zusammenhängt, dass diese Hafenstädte die Einfallstore für illegale Kokainlieferungen in großen Mengen aus Südamerika sind.

4. Die ermittelte Benzoylecgonin-Tagesfracht pro 1000 Einwohner lässt darauf schließen, dass in Koblenz und Umgebung auch andere illegale Betäubungsmittel konsumiert werden. Denn die im Rahmen des EMCDDA-Monitoring-Programms untersuchten Städte weisen bei nachgewiesenem Kokainkonsum auch bezüglich der Rückstände anderer illegaler Drogen korrelierende Werte auf.

5. Auswirkungen der Covid19-Pandemie mit den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen sind auszuschließen. Ein Vergleich mit den Untersuchungsergebnissen anderer Städte in früheren Jahren durch die EMCDDA hat keine signifikanten Unterschiede in der Häufigkeit des Drogenkonsums gezeigt.

6. Besorgniserregend ist das Auffinden des Streckmittels Levamisol mit einem Streckungsgrad von ca. 14 %. Hierbei handelt es sich um ein Entwurmungsmittel aus der Veterinärmedizin, dessen Konsum erhebliche Gesundheitsgefahren mit sich bringt. Um die Konsumenten zu warnen, sollte ein Drug-Checking-Programm eingerichtet werden. Hierbei können Kokainkäufer ihre Drogen auf gefährliche Überdosierungen und andere medizinisch bedenkliche Stoffe untersuchen lassen.

7. Drug-Checking findet in Deutschland bisher keine Anwendung. Im Gegensatz hierzu sind entsprechende Programme in der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Großbritannien und Luxemburg seit Jahren etabliert. Europaweit ist insoweit das T.E.D.I.-Netzwerk aktiv (Trans European Drug Information Project).

In Deutschland verweigert die Bundesopiumstelle beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM die erforderlichen Genehmigungen nach dem Betäubungsmittelgesetz. Das Institut für sozialwissenschaftliche Forschung und Weiterbildung  des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz hatte 2018 ein Drug-Checking-Konzept erarbeitet. Der Antrag auf Erteilung einer Ausnahmeerlaubnis wurde indes im gleichen Jahr ablehnt. Ein gegen diesen Bescheid eingelegter Widerspruch blieb erfolglos.

In der Begründung der Ablehnung wird darauf abgestellt, dass das Vorhaben dem Gesetzeszweck des Betäubungsmittelgesetzes entgegenstehe, nämlich den Missbrauch von Betäubungsmitteln sowie das Entstehen einer Betäubungsmittelabhängigkeit soweit wie möglich auszuschließen. Mit der Testung einer nicht verkehrsfähigen Droge werde eine relative Unbedenklichkeit bescheinigt, die sie objektiv nicht habe. Damit vermittele die Testung ein Gefühl der relativen Sicherheit beim Konsumenten, die nicht bestehe.

In Thüringen wird derzeit versuchsweise ein anderer Weg beschritten. Konsumenten füllen die mitgebrachten Drogen in Untersuchungsbehältnisse, in denen die Droge chemisch in nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterfallende Substanzen aufgespalten wird. Die Drug-Checking-Stelle benötigt deshalb keine Ausnahmeerlaubnis, da sie keine Drogen entgegennimmt. Inwieweit diese Ausgestaltung rechtlich haltbar ist, bleibt abzuwarten.

Nach alledem ist die Einrichtung von Drug-Checking-Programmen in Deutschland dringend angezeigt.

8. Die festgestellten Benzoylecgonin-Frachten (hinzu kommen die Mengen an unverstoffwechseltem Kokain) lassen auf einen beachtlichen Betäubungsmittelkonsum im Bereich Koblenz/ Neuwied schließen. Insoweit wäre eine Drogenpräventions- und Aufklärungskampagne über Risiken des Drogenkonsums angezeigt, beispielsweise durch Verteilung von Flyern an Schulen, Hochschulen und Clubs. Hierbei sollten auch die genannten Gesundheitsgefahren deutlich herausgestellt werden.

9. In der Zukunft sollten erneute Abwasseruntersuchungen zur weiteren Beobachtung des Drogenkonsums erfolgen.

Abwasseruntersuchungen können auch Biomarker für Krankheiten entdecken. Gerade in Zeiten einer Pandemie können sich Erhebungen im Kanal zu einer Art Frühwarnsystem entwickeln.

 

Für die Unterstützung des Projekts besonderen Dank an Herrn Dr. Wick und Herrn Dr. Schlüsener von der Bundesanstalt für Gewässerkunde, Frau Dr. Kronenberg vom Klärwerk Koblenz und Herrn Madzgalla vom Klärwerk Neuwied I.

Referenzen

Castiglioni et al. 2013. Evaluation of Uncertainties Associated with the Determination of Community Drug Use through the Measurement of Sewage Drug Biomarkers. Environ. Sci. Technol. 2013, 47, 1452−1460. dx.doi.org/10.1021/es302722f

Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. EMCDDA (Europan Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction). 2021. Abwasseranalyse und Drogen – eine europäische städteübergreifende Studie. https://www.emcdda.europa.eu/system/files/publications/2757/POD_Wastewater%20analysis_DE%202019.pdf .

van Nuijs A (Universität Antwerpen) et al. 2014. Spatial differences and temporal changes in illicit drug use in Europe quantified by wastewater analysis. Addiction, 109, 1338–1352.

Sewage Analysis Core Group Europe SCORE: http://score-cost.eu

T.E.D.I. (Trans European Drug Information Project): https://www.tedinetwork.org/

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