30.10.2023

Warum es sich lohnt, für ein besseres Jurastudium aufzustehen

Studienbedingungen und Reformbedarf

Warum es sich lohnt, für ein besseres Jurastudium aufzustehen

Studienbedingungen und Reformbedarf

Für eine bessere juristische Ausbildung streiten: Die Strukturen bestehen und die Bereitschaft ist groß. | © Tierney - stock.adobe.com
Für eine bessere juristische Ausbildung streiten: Die Strukturen bestehen und die Bereitschaft ist groß. | © Tierney - stock.adobe.com

Ein Lerntag wie jeder andere – man sitzt in der Bib, versucht die Definitionen und Streitstände in sich hineinzuprügeln und verzweifelt am Druck, der insbesondere in der Examensvorbereitung auf einem lastet. Ist dieses Studium wirklich das Richtige für mich? Möchte ich diesen Marathon bis hin zum Staatsexamen laufen?

Doch man versucht durchzuziehen: Tag für Tag. Fälle lösen, Definitionen auswendig lernen, Streitstände nachvollziehen und Klausuren schreiben. Lieber nicht hinterfragen, was man lernt und vor allem, warum man es auf diese Art und Weise lernt. Keine Gedanken daran verschwenden, sich die Sinnhaftigkeit des aktuellen Jurastudiums vor Augen zu führen. – Ich muss lernen und mein Examen bestehen. Dann wird es schon besser! So oder so ähnlich ging es schon vielen Generationen angehender Jurist:innen. Man kämpft sich durch die Ausbildung und kaum ist das Staatsexamen bestanden, will man alles verdrängen, was einen an Studium und Referendariat gestört und über Jahre belastet hat.

Der Reformbedarf besteht

Dabei ist der Reformbedarf groß: Laut der Umfrage zum psychischen Druck des Bundesverbandes rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. (BRF) in der juristischen Ausbildung würden zwei Drittel der Befragten das Studium in dieser Form nicht weiterempfehlen. Es lastet ein enormer Druck auf den Studierenden – gerade in der Examensvorbereitung. Dies hat beispielsweise die JurSTRESS-Studie der Universität Regensburg dargelegt: Jurastudierende leiden psychisch und oft auch physisch unter den Belastungen ihres Studiums.


Darüber hinaus ist das Studium inhaltlich und methodisch wenig attraktiv: Das E-Examen wird erst jetzt nach und nach für die Zweite Juristische Staatsprüfung eingeführt – Sehnenscheidenentzündungen sind nach wie vor programmiert. Auch die Inhalte des Jurastudiums bereiten wenig auf die Praxis in einer globalisierten, digitalen und komplexen Welt vor: Internationalität, Interdisziplinarität und praktische Kompetenzen wie Verhandlungsgeschick, juristisches Beraten oder rhetorische Fähigkeiten werden selten vermittelt und geschult. Die Fähigkeit zum kritischen Denken und eine Ausbildung eines beruflichen Selbstverständnisses als Jurist:in bleiben ebenfalls auf der Strecke.

Nur noch 9.000 Studierende haben 2020 das 1. Staatsexamen absolviert

Dies führt dazu, dass sich immer weniger junge Menschen für das Jurastudium entscheiden oder es mit dem ersten Staatsexamen abschließen. Während es 1996 noch 12.573 Studierende waren, die die erste juristische Prüfung absolvierten, waren es 2020 nur noch 9.028 Studierende. Gleichzeitig geht bis zum Ende des Jahrzehnts die Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand. Es bleiben dadurch Arbeitsplätze frei, die von den aktuellen Absolvent:innen nicht mehr aufgefüllt werden können. Selbst Großkanzleien klagen mittlerweile über den fehlenden Nachwuchs. Wenn nicht mehr alle Gerichte mit ausreichend Richter:innen besetzt werden, können Anwält:innen nicht mehr allen, die es benötigen, zu ihrem Recht verhelfen. Dann besteht eine ernste Gefahr für die Funktionsfähigkeit des Rechtsstaats. Eine gute, zeitgemäße und attraktive juristische Ausbildung ist also notwendiger denn je.

Doch kaum ein Berufsstand tut sich so schwer mit Reformen wie die Juristerei. In der Praxis ist die juristische Ausbildung bei ausgelernten Jurist:innen selten ein Thema. Und diejenigen, die sich in Studium und Referendariat befinden, haben kaum Zeit, sich über die Ausbildung Gedanken zu machen oder gar sich für Reformen zu engagieren. Vor allem wissen viele nicht, wo sie ihren Unmut ausdrücken können und wer Veränderungen umsetzen kann. Der Stand der juristischen Ausbildung wird von vielen so hingenommen und als gegeben angesehen.

Studierende organisieren sich

Es gibt sie jedoch, diejenigen, die versuchen, der Reform eine Stimme zu geben. Der BRF, der Zusammenschluss der Fachschaften der juristischen Fakultäten, der über 120.000 Studierende bundesweit vertritt, setzt sich seit seiner Gründung 2012 für eine Reform der juristischen Ausbildung ein. In den letzten Jahren konnte so der universitäre Schwerpunkt gerettet werden, und die Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit NS-Justizunrecht fand Eingang ins Deutsche Richtergesetz.

Doch spätestens mit dem Beschluss zur Abschaffung der Ruhetage in den Staatsexamina ist klar, dass die reine Abwehr von Verschlechterungen nicht ausreicht. Gleichzeitig führte die Initiative iur.reform in den letzten Jahren eine umfangreiche Umfrage unter Jurist:innen aller Berufe und Karrierestationen zu allen Reformthesen der letzten Jahrzehnte durch. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass eine Reform nicht nur notwendig, sondern bezüglich vieler Thesen auch mehrheitsfähig ist. So konnte eine sachliche Grundlage für die Diskussion geschaffen werden, auf der alle Beteiligten aufbauen können.

Um das Ziel der Kampagnen, das 6-PunkteSofortprogramm und einen verbindlichen Reformprozess, die Akademie Loccum 2.0, nun durchzusetzen, braucht es aber weiter Druck von unten, von Studierenden und Referendar:innen. Viele Fachschaften haben beispielsweise in diesem Jahr schon vorgelegt: zahlreiche offene Briefe an die Justizprüfungsämter wurden verschickt und Petitionen, beispielsweise gegen die Abschaffung der Ruhetage, wurden geschaltet. Höhepunkt der Bemühungen war die Organisation einer Demonstration auf der Justizminister:innenkonferenz (JuMiKo) am 25. Mai 2023 in Berlin. Obwohl Jurist:innen traditionell nicht unbedingt als aktivistisch gelten, versammelten sich 200 junge angehende Jurist:innen aus der ganzen Bundesrepublik vor dem Palais Kulturbrauerei, wo die 94. Justizministerkonferenz stattfand, um ihre Unzufriedenheit lautstark auszudrücken. Und die Präsenz hat bei den Minister:innen Eindruck hinterlassen: Sie sehen, dass Jurastudierende die Ausbildung nicht mehr einfach hinnehmen wollen.

Es gibt sie also, die Menschen, die aufstehen und für eine bessere juristische Ausbildung streiten. Die Strukturen bestehen – und die Bereitschaft ist groß. Doch die Studierenden könnten noch so viel mehr sein und gemeinsam mit starker Stimme die notwendigen Veränderungen einfordern. Dazu gehört es auch, einmal aufzustehen vom Schreibtisch in der Bibliothek und sich den Bemühungen anzuschließen.

Dieser Beitrag entstammt aus Recht Reloaded 1/2023.

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