28.04.2026

Vier Tipps für die Examensvorbereitung im Referendariat

Trotz Zeitdruck effizient lernen

Vier Tipps für die Examensvorbereitung im Referendariat

Trotz Zeitdruck effizient lernen

Das Hinterfragen und Optimieren des eigenen Lernens ist min-destens so wichtig wie die Wahl des richtigen Stoffes.  | © Who is Danny - stock.adobe.com
Das Hinterfragen und Optimieren des eigenen Lernens ist min-destens so wichtig wie die Wahl des richtigen Stoffes. | © Who is Danny - stock.adobe.com

Die Examenszeit im Referendariat ist eine besondere Herausforderung – vor allem aufgrund des Zeitdrucks zwischen Stationsalltag und Lernpensum. Aus meinen eigenen Erfahrungen habe ich vier Tipps zusammengestellt, die euch helfen können, die knappe Vorbereitungszeit möglichst effizient zu nutzen.

1. Auseinandersetzung mit dem Stoff von Beginn an

Viele Rechtsreferendar:innen werden spätestens zu Beginn der sogenannten „Tauchphase“ mit der Tatsache konfrontiert, dass das enorme Lernpensum kaum innerhalb der durchschnittlich drei bis vier Monate umfassenden Lernzeit zu bewältigen ist, sofern man zu diesem Zeitpunkt bei Null startet. Umso wichtiger ist es, sich bereits in einem frühen Stadium des Referendariats mit den Prüfungsanforderungen des Zweiten Examens auseinanderzusetzen.
Das muss nicht bedeuten, jedes Wochenende in der Bibliothek zu verbringen. Schon ein kontinuierlicher Lerntag pro Woche sorgt dafür, dass ihr in den Monaten vor den Examensklausuren den Stoff gezielt wiederholen und vertiefen könnt – vor allem aber bleibt so auch Zeit für Übungsklausuren.
Lernpsychologische Studien belegen zudem eindeutig: Das Gehirn benötigt Zeit, um neues Wissen dauerhaft im Langzeitgedächtnis zu verankern. Kurzfristiges „Bulimie-Lernen“ birgt das Risiko, Stoff nur oberflächlich abzuspeichern – eine Herangehensweise, die angesichts der Breite des Stoffes im Zweiten Examen wenig Erfolg verspricht.

2. Strukturierte Aufarbeitung des Stoffes

Plötzlich besteht eine Examensklausur nicht mehr aus zwei bis drei Seiten Sachverhalt, sondern umfasst regelmäßig 15 bis 20 Seiten oder noch mehr. Der Sachverhalt meiner Revisionsklausur im Zweiten Examen war 25 Seiten lang. Das kann zunächst erschlagen – vor allem, wenn das materielle Recht bereits in Vergessenheit geraten ist. Deswegen würde ich folgenden schrittweisen Ansatz empfehlen:
Zunächst das materielle Recht wiederholen und gezielt Lücken schließen, insbesondere dann, wenn das Erste Examen schon länger zurückliegt. Bereits früh Übungsklausuren schreiben, um ein Gefühl für die neuen Formate und die prozessualen Problemstellungen zu entwickeln. Wie wird der Klausurtyp aufgebaut, welche prozessualen Probleme gab es, wo und wie werden sie in der Klausur relevant? Aufbauend darauf die zentralen prozessualen Themen Schritt für Schritt durcharbeiten und regelmäßig wiederholen.
Eine der größten Herausforderungen ist es, systematisch vorzugehen und den roten Faden zu bewahren. Die konsequente Aufarbeitung verhindert, dass ihr euch im Detail verliert, und gibt Sicherheit – vor allem bei der Klausurarbeit.


3. Frühzeitiger Beginn mit Übungsklausuren

Das regelmäßige Schreiben von Übungsklausuren ist vielleicht der entscheidende, aber am häufigsten unterschätzte Erfolgsfaktor im Zweiten Examen. Es bietet sich an, als ersten Schritt in Erfahrung zu bringen, welche Klausurtypen in deinem Bundesland als Klausuren gestellt werden – im Regelfall informieren die Landesjustizprüfungsämter auf ihren Websites hierüber.
Meine erste Übungsklausur hat mich, aufgeteilt auf zwei Tage, fast zehn Stunden beschäftigt. Doch mit jeder weiteren Klausur nimmt die Routine spürbar zu: Man lernt, Standardprobleme schneller zu erkennen, die Klausur sinnvoll zu strukturieren und das eigene Zeitmanagement zu optimieren.

Es hilft enorm, ein eigenes System für den Umgang mit Sachverhalten zu entwickeln. Ich habe den Sachverhalt im Zivilrecht mit verschiedenen Textmarkerfarben markiert: Blau für prozessuale Probleme, Orange für streitigen Klägervortrag, Rot für streitigen Beklagtenvortrag und Gelb für unstreitigen Vortrag. Insbesondere im öffentlichen Recht habe ich Argumente mit Zahlen versehen und so strukturiert. Egal, wie euer System am Ende aussieht: Entscheidend ist, dass ihr auch umfangreiche Fälle schnell und effizient erfasst. Wer frühzeitig und regelmäßig Klausuren schreibt, entwickelt die Fähigkeit, typische Prüfungssituationen fast schon auf Autopilot zu lösen – das hilft in den Examensklausuren gegen Nervosität und Zeitdruck.

4. Eigenen Lernstil hinterfragen und Vorteile bewährter Methoden nutzen

Das Referendariat bietet Gelegenheit, den eigenen Lernstil kritisch zu reflektieren: War die bisherige Methode für das Erste Examen wirklich effizient oder gibt es Verbesserungsbedarf?
Eine weitverbreitete Annahme besagt zum Beispiel, dass Men-schen ausschließlich als „visuelle“, „auditive“ oder „haptische“ Lerntypen effektiv lernen können. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, wird aber von der modernen Lernforschung klar widerlegt: Es gibt keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass das Lernen nach individuellen „Lerntypen“ die Leistung tatsächlich verbessert.
Im juristischen Bereich haben sich insbesondere zwei Methoden bewährt:
Spaced Repetition (verteiltes Wiederholen): Durch gezielte Wiederholung in wachsenden Zeitabständen bleibt auch langfristig schwieriger Stoff präsent – Lücken werden erkennbar und nachhaltiger geschlossen. Gerade für Themen, die nicht schwierig sind, aber schlichtweg gelernt werden müssen (z.B. Streitwerte, typische Tenorierungen oder Formulierungen), zahlt sich dieses System aus.

Active Recall (aktives Abfragen): Statt Inhalte passiv zu lesen, fordert Active Recall dazu auf, Wissen aktiv zu reproduzieren – zum Beispiel, indem man sich mit (digitalen) Karteikarten abfragt oder Übungsklausuren löst. Ich selbst habe klassische Formulierungen oder schwierigere zivilprozessuale Probleme erst durch konsequentes aktives Abrufen wirklich sicher beherrscht.

Das Hinterfragen und Optimieren des eigenen Lernens ist mindestens so wichtig wie die Wahl des richtigen Stoffes. Nutzt das Referendariat als Chance, um neue Lernwege auszuprobieren und eure persönliche Methode zu finden.

Entnommen aus Recht_reloaded 2/2025.

 

Sandro Birkenhof

Volljurist und Gründer von „Examen mit Sandro“