23.03.2026

Mrass: „Nicht jede Verwaltung sollte eine eigene KI-Lösung bauen lassen“

Der Initiator der Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche, Prof. Dr. Volkmar Mrass, zu den Chancen, Risiken und Erwartungen an KI in der öffentlichen Verwaltung.

Mrass: „Nicht jede Verwaltung sollte eine eigene KI-Lösung bauen lassen“

Der Initiator der Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche, Prof. Dr. Volkmar Mrass, zu den Chancen, Risiken und Erwartungen an KI in der öffentlichen Verwaltung.

Die digitale Verwaltung wird von den Bürgern und Unternehmen zu Recht erwartet. | © Zerbor - stock.adobe.com
Die digitale Verwaltung wird von den Bürgern und Unternehmen zu Recht erwartet. | © Zerbor - stock.adobe.com

Die Digitalisierung in der Verwaltung kommt nur schleppend voran. Das OZG blieb hinter den Erwartungen. Ist die Hinwendung zur Künstlichen Intelligenz daher in diesem Kontext verfrüht oder jetzt genau der richtige Ansatz?

Mrass: Es gilt hier meines Erachtens, ‚das eine zu tun, ohne das andere zu lassen‘. Auf der einen Seite ist Ihre Situationsanalyse absolut richtig, dass die Digitalisierung der deutschen Verwaltung in vielen Teilen immer noch recht schleppend verläuft. Auf der anderen Seite können wir uns aber auch eine Vorgehensweise der Art ‚jetzt bringen wir erstmal alle bisher geplanten Digitalisierungsvorhaben für die deutsche Verwaltung zu Ende und danach kümmern wir uns dann um KI‘ nicht leisten. Dann könnte es noch Jahre dauern, bis man sich in der Verwaltung auf breiter Basis intensiv mit dem Thema KI beschäftigt. So viel Zeit haben wir nicht.

Die Entwicklung im Bereich KI hat sich in den letzten dreieinhalb Jahren in einem atemberaubenden Tempo vollzogen. Fast jeden Monat bringen große Anbieter wie OpenAI, Google, Anthropic, xAI, DeepSeek, Perplexity.AI oder Microsoft neue KI-Anwendungen oder weiterentwickelte KI-Modelle auf den Markt. KI birgt für fast alle Branchen und Lebensbereiche enormes disruptives Potenzial. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns für die Verwaltung bereits jetzt und hier intensiv mit möglichen Einsatzbereichen für Künstliche Intelligenz befassen.


 

KI ist bei professioneller Nutzung teuer. Ist es den Preis – also u.a. die hohen Kosten – für die öffentliche Hand wert?

Mrass: Das hängt naturgemäß auch davon ab, welche möglichen Einsparungen und Synergieeffekte sich mittels KI-Einsatz für die jeweilige Verwaltung erzielen lassen. Es ist aber richtig, dass der Einsatz einer neueren Technologie immer auch Anfangsinvestitionen erfordert, bevor dann daraus Nutzen gezogen werden kann. Und neue Investitionen sind gerade jetzt in einer Phase, in der viele Gemeinden, Städte und Landkreise in einer sehr schwierigen finanziellen Lage sind, besonders heikel.

Es bleibt zu hoffen, dass auch die Preise im Bereich KI bald weiter runtergehen. Der aktuell scharfe Wettbewerb zwischen den einzelnen KI-Anbietern könnte dazu beitragen. Nicht in KI zu investieren könnte langfristig aber auch für Verwaltungen die kostspieligere und riskantere Variante sein.

 

Neben den zahlreichen Chancen bei der Produktivität, die KI biete: Wo sehen Sie die größten Risiken durch KI in der öffentlichen Verwaltung?

Mrass: Die größten Risiken für die Verwaltung liegen meines Erachtens darin, dass auf Grund eines KI-Einsatzes fehlerhafte Aussagen oder Leistungen erzeugt und nach außen gegeben werden. Und dass hierdurch dann Vertrauen auf Seiten der Bürger oder anderer ‚Kunden‘ der Verwaltung wie Unternehmen verloren geht. KI hat gegenwärtig bereits enormes Potenzial, ist aber bezogen auf deren Ergebnisse aktuell oft noch alles andere als perfekt. Die Beispiele für KI-Halluzinationen oder sonstigen Fehler aus verschiedensten Bereichen sind bereits Legion.

Wir müssen uns im Klaren darüber sein, was KI bereits sehr gut und zuverlässig leisten kann und was nicht. Um sich das besser zu vergegenwärtigen, ist der bekannte ‚Gartner Hype Cycle für neue Technologien‘ meines Erachtens ein hilfreiches Instrument. Das ist ein Modell des US-IT-Marktforschungsunternehmens Gartner, nach dem eine neue Technologie fünf Phasen durchläuft. Dort hat beispielsweise Generative KI in der aktuellen Ausgabe den ‚Gipfel der überzogenen Erwartungen‘ bereits überschritten und bewegt sich gegenwärtig in Richtung ‚Tiefpunkt der Desillusionierung‘. Gemäß diesem Modell folgt dann bald der ‚Pfad der Erleuchtung‘ und danach dann das finale ‚Plateau der Produktivität‘.

Nun sind Modelle immer ein vereinfachtes Bild der Wirklichkeit und selbstverständlich verlaufen auch nicht alle Entwicklungen so wie im Gartner Hype Cycle prognostiziert. Aber es hilft uns dennoch, zu überlegen, welche Bereiche in der Verwaltung bereits „reif“ für den Einsatz von KI sein könnten und welche noch nicht. Viele Verwaltungen in Baden-Württemberg ‚experimentieren‘ bereits mit KI. Meiner Wahrnehmung nach bisher oft in eher kommunikativen Bereichen wie beispielsweise dem Einsatz von Bürger-Chatbots und mit bisher oft mäßigem Erfolg.

Wünschenswert wäre aus meiner Sicht auch hier, nicht durch jede Verwaltung eine eigene Lösung ‚bauen‘ zu lassen, sondern gemeinsam ein paar besonders gut geeignete KI-Verwaltungs-Lösungen zu entwickeln und dann flächendeckend auszurollen.

 

Kann man KI guten Gewissens einsetzen, angesichts der dafür erforderlichen Rechnerleistungen und des Ressourcenverbrauchs? Stimmt hier der Kosten/Nutzen-Effekt?

Mrass: Rechenleistung und Ressourcenverbrauch sind überall im IT-Bereich ein Dauerthema. Wenn es etwas gibt, was auch in Deutschland in den letzten Jahren ein enormes Wachstum hatte, dann die Anzahl und Größe von Rechenzentren. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch hier Effizienzvorteile durch Skaleneffekte einstellen. KI deshalb nicht einzusetzen, ist aber vermutlich keine Option.

Viele führenden Unternehmen ihrer jeweiligen Branche haben bereits damit begonnen, KI sehr intensiv zu nutzen. Die Unternehmensberatung McKinsey setzt KI-Agenten für ihre Beratungsleistungen ein. Die Investmentbank Goldman Sachs hat KI bereits zum Coden verwendet. Die Tageszeitung New York Times nutzt KI für Datenanalysen, Übersetzungen und Zusammenfassungen. Die Großanwaltskanzlei Latham & Watkins versammelte kürzlich 400 ihrer jungen und neuen Anwälte zu einem KI-Academy-Training. Der Spielzeughersteller Mattel integriert KI in seine Produkte. Das sind lediglich fünf Beispiele, alle aus den USA.

Wie auch bei früheren IT-Neuerungen, ist dieses Land und China auch im Bereich der KI wieder führend. Es könnte meines Erachtens auch hier sein, dass wir in einigen Jahren realisieren, dass wir in Deutschland als größter Volkswirtschaft Europas und aktuell drittgrößter Volkswirtschaft der Welt wieder spät dran sind und der Markt zu großen Teilen bereits aufgeteilt ist.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass die beiden mit großem Abstand größten Volkswirtschaften der Welt, die USA und China, auch die beiden Länder sind, die im IT-Bereich regelmäßig führen. Wir müssen aufpassen, dass für uns nicht der bekannte Satz gilt: ‚Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit …‘.“

 

Ist KI aus Ihrer Sicht geeignet, die Nachfolgesorgen der öffentlichen Verwaltung zu lindern, wenn ja: Wo genau?

Mrass: Mittelfristig kann KI meiner Einschätzung nach beim Thema Fachkräftemangel in der öffentlichen Verwaltung einen Beitrag zu dessen Abmilderung leisten. Das gilt insbesondere für klassische Einsteigertätigkeiten und insbesondere in Bereichen, die vergleichsweise gut automatisierbar oder nach klar definierbaren Abläufen und Routinen gestaltbar sind.

Wobei ich hier kurz- bis mittelfristig als Erstes einen hybriden Ansatz sehe, bei dem Mensch und KI kooperieren, der Mensch sich also durch KI unterstützen lässt. Beispielsweise im IT-Bereich einer Verwaltung beim Coden, im Kommunikationsbereich einer Verwaltung beim Erstellen von Texten, im Rechtsbereich einer Verwaltung bei der Recherche oder ersten Vertragsentwürfen, im Führungsbereich von Verwaltungen bei der Zuarbeit für Reden, in Kämmereien für Analysen von Finanzdaten und Entwürfe von Haushaltsplänen, und vielem mehr.

Wichtig ist aber dabei, insbesondere am Anfang immer durch Menschen intensiv die von KI generierten Ergebnisse zu prüfen und sicherzustellen, dass die Qualität stimmt. Wenn eine KI-Anwendung sich dann über lange Zeit als sehr zuverlässig erwiesen hat, sind später bei einer kontinuierlichen Verbesserung von KI auch mehr Automatisierungen denkbar.

 

Die 8. Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche – voraussichtlich mit Rekordbeteiligung – stehen unter dem Titel „KI: Game-Changer für Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft?“

Kommt durch diese Fragestellung Ihre Skepsis, zumindest Ihre Ambivalenz gegenüber KI zum Ausdruck?

Mrass: Es gibt in der Tat sehr gute Gründe dafür, ambivalente Gefühle gegenüber KI zu haben. Einer davon ist die große Gefahr, die von dieser ja gar nicht mehr so neuen Technologie für die gesamte Menschheit langfristig ausgehen könnte. Und vor der viele der weltweit führenden KI-Forscher, darunter einige Nobelpreis- und Turing-Preisträger, bereits seit einigen Jahren warnen.

Bei der Wahl des Titels für die 8. Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche am 25. März 2026, die ich vor rund vier Monaten vorgenommen habe, stand das aber nicht im Vordergrund. Er sollte vielmehr die mögliche disruptive Wirkung von KI auf die vier großen Felder Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft zum Ausdruck bringen. Das sind ja auch die vier Bereiche, aus denen seit Beginn der ersten Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche vor drei Jahren im März 2023 immer Referenten eingeladen waren.

Und angesichts der auch in den letzten vier Monaten weiter beschleunigten Entwicklung im KI-Bereich wirkt die Vermutung, dass es sich hierbei um einen „Game-Changer“ handeln könnte, nochmals weiter realistischer. Wir freuen uns sehr darüber, dass diese Veranstaltung auch wegen des Themas quer durch alle Verwaltungsebenen in Baden-Württemberg eine Rekord-Resonanz bezogen auf die Anzahl der Anmeldungen gefunden hat.

Prof. Dr. Volkmar Mrass ist Direktor des Instituts für Digitale Plattformen in Verwaltung und Gesellschaft (DPVG) und Inhaber der Professur für Digitales Verwaltungsmanagement (DVM) an der Hochschule Ludwigsburg.

Er hat Wirtschaftswissenschaften (B.Sc.) sowie BWL und Management (MBA) studiert und wurde im Bereich Wirtschaftsinformatik zum Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Dr. rer. pol.) promoviert.

Mrass ist Initiator und Moderator der Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche, die zwei Mal pro Jahr stattfinden und an der regelmäßig mehrere Hundert Vertreter aus Lehre, Verwaltung, Wirtschaft und Politik teilnehmen.

  1. Ludwigsburger Digitalisierungsgespräche

KI: Game-Changer für Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft?“

Begrüßung und Einführung:
Dr. Iris Rauskala (Rektorin HS Ludwigsburg), Prof. Dr. Volkmar Mrass

 

Es diskutieren:

 

    • Thomas Bönig CDO, CIO, Leiter des Amts für Digitalisierung, Organisation & IT (DO.IT), Stadt Stuttgart
    • Carsten Gabbert Regierungspräsident des Regierungsbezirks Freiburg
    • Daniel Karrais (MdL) Landtagsabgeordneter des Wahlkreises 53 (Rottweil)
    • Prof. Dr. Kora Kristof Vizepräsidentin Digitalisierung & Nachhaltigkeit, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
    • Federico Magno Group CEO / Vorsitzender der Geschäftsführung, MHP Management- und IT-Beratung

https://www.hs-ludwigsburg.de/veranstaltung/8-ludwigsburger-digitalisierungsgespraeche

Es handelt sich um eine Digitalveranstaltung, für die es eine Warteliste gibt.

 

Marcus Preu

Ltg. Lektorat und Redaktion, Rechtsanwalt