16.06.2026

Wo Hürden höher sind

Ein Interview mit Zahra Khan

Wo Hürden höher sind

Ein Interview mit Zahra Khan

Über das Prinzip der Chancengleichheit besteht weitgehend gesellschaftlicher Konsens. Die Realität an deutschen Universitäten ist jedoch weit davon entfernt. | © melita - stock.adobe.com
Über das Prinzip der Chancengleichheit besteht weitgehend gesellschaftlicher Konsens. Die Realität an deutschen Universitäten ist jedoch weit davon entfernt. | © melita - stock.adobe.com

Zahra Khan, zuständig für Community und Content beim Sozialunternehmen ACCICE und Vorsitzende der Refugee Law Clinic in Freiburg, studiert im 9. Semester an der Universität Freiburg. Als Studentin mit Migrationshintergrund weiß sie aus erster Hand, welche Stellschrauben an den Fakultäten in Sachen Chancengleichheit nachgezogen werden müssen.

Zahra, was war der erste Moment, in dem Dir bewusst wurde, dass Dein Studium anders laufen wird?

Mir war grundsätzlich von Anfang an bewusst, dass ich in jedem Studiengang unter den Studierenden Ungleichheiten und Nachteile wahrnehmen würde. Speziell im Jurastudium spürte ich jedoch eine besondere Verunsicherung, da es sich um einen Studiengang handelt, der zum einen nicht durchschnittlich sechs bis sieben Semester in Anspruch nimmt und zum anderen mit einem Staatsexamen endet, das nicht unbedingt niedrige Durchfallquoten hat. Gerade für mich stellte das ein hohes Risiko dar, da ich als Tochter migrantischer Eltern keine Unterstützung erwarten kann, wenn diese selbst das grundlegende Konstrukt eines Studiums nicht kennen. Ich musste damit rechnen, diesen langen und harten Weg allein zu beschreiten und zusätzlich häufiger in Situationen zu geraten, in denen ich viel erklären muss, um den nötigen Raum und das erforderliche Verständnis zu erlangen. Nicht, weil meine Eltern empathielos wären, sondern gerade, weil es kein Weg ist, der in unseren Kreisen mehrfach durchlaufen wurde, sodass man dieses Wissen von ihnen erwarten könnte – insbesondere als Erstakademikerin.


Mir war außerdem klar, dass bereits die Bewerbung um einen Studienplatz keine einfache Angelegenheit sein würde. Mit einem NC, der je nach Studienort höher sein konnte, als ich mir selbst zutraute, habe ich mich aus einer Mischung aus Sorge, keinen Platz zu bekommen und dem Wunsch, zumindest irgendwo zugelassen zu werden, deutschlandweit an fast allen juristischen Fakultäten beworben. Der NC ist zwar eine gängige Zulassungsbeschränkung, bildet jedoch nicht ab wie die Realität vieler Studierender aussieht: Schulformempfehlungen, Elternhaus und materielle Ressourcen beeinflussen maßgeblich, wie schwer oder leicht es ist, einen guten NC zu erreichen. Ein Beispiel: Während Klassenkameraden zwei Wochen Zeit hatten, sich auf eine Klausur vorzubereiten, hatte ich netto eine Woche weniger, da ich an mehreren Nachmittagen damit beschäftigt war, Behördengänge und Anträge für meine Eltern zu erledigen. Das liegt keineswegs an meinen Eltern, trägt aber zu meiner Position bei. Als ich dann kurz vor Studienbeginn mögliche Szenarien durchging, war mein Best-Case-Szenario, noch in diesem Jahr mit dem Jurastudium beginnen zu können. Wäre da nicht ein großes „Aber“ gewesen: Zu diesem Zeitpunkt erschien ein Zeitungsartikel über eine Referendarin, die eigentlich als Vertretung auf der Richterbank hätte sitzen müssen, dies jedoch nicht durfte. Mir war nicht bewusst gewesen, dass es derart gravierende Einschnitte gibt, dass sogar im verpflichtenden juristischen Vorbereitungsdienst Einschränkungen bestehen.

Wie bist Du während Deiner Studienzeit mit Ungleichheiten konfrontiert?

Besonders auffällig waren für mich die teils massiven Unterschiede innerhalb des Studiengangs, insbesondere im finanziellen Bereich. Als Erstakademikerin hatte ich keinerlei Vorstellung davon, wie teuer ein Studium sein kann und vor allem, wie kostenintensiv das Jurastudium ist. Ich empfand es als großes Risiko diesen langen Weg zu gehen, ohne zu wissen, wie er konkret verlaufen würde, wie er enden könnte und ob ich ihn ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern überhaupt bewältigen kann. Hinzu kam die Sorge, nicht so schnell in den Beruf einsteigen zu können wie meine jüngeren Geschwister und meine Eltern daher erst deutlich später finanziell unterstützen zu können. Man könnte meinen, dass es sich hierbei um Sorgen handelt, die viele Studierende unabhängig vom Studiengang teilen. Studien zeigen jedoch, dass die Mehrheit der Jura-Absolvent:innen ihr Studium über ihre Eltern finanziert, während die meisten Studienabbrecher:innen BAföG-Empfänger:innen sind, die wenig bis gar keine elterliche Unterstützung erhalten haben.

Was das Jurastudium darüber hinaus besonders macht, ist seine enorme Zeitintensität, bedingt durch die große Stoffmenge und die starke Fokussierung auf das Staatsexamen. Es ist daher nicht weit hergeholt zu sagen, dass jede Form einer regelmäßigen Nebentätigkeit für Jurastudierende zum ernsthaften Risiko werden kann. Häufig leidet das Studium so stark unter einem Nebenjob, dass Klausuren mehrfach geschrieben werden müssen und sich das Studium verlängert. Eine Studienverlängerung ohne finanzielles Polster bringt Studierende aus sozial- ökonomisch schwächeren Haushalten in ein Hamsterrad, das früher oder später zur Aufgabe zwingen kann. Auch ich erlebe diese Gefahr und habe den Wunsch, strikt nach Studienverlaufsplan zu studieren, früh aufgeben müssen. Hinzu kommt, dass sich viele Studierende erst dann ausreichend auf das Staatsexamen vorbereitet fühlen, wenn sie ein privates Repetitorium besuchen. Diese kosten jedoch Summen von bis zu 3.000 Euro – ein Betrag, den sich Studierende mit finanziell schwächerem Hintergrund oft nicht leisten können.

Damit geht eine ständige Selbstwahrnehmung einher, dass selbst nach jahrelangem Studium das Bestehen des Examens weniger sicher erscheinen lässt als bei Kommiliton:innen, die sich ein privates Repetitorium leisten können. Insgesamt entsteht so ein Geflecht aus Hürden, die sich aus eigener Kraft kaum auflösen lassen.

Welche Situation hat Dich am stärksten geprägt, Dich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen?

Ich war schon früh durch die Begleitung meiner Eltern zu zahlreichen Terminen mit der Arbeit staatlicher Institutionen konfrontiert. Paradoxerweise habe ich zu Beginn geglaubt, dass es sich lediglich um „Pech mit Sachbearbeiter:innen“ handelte, wenn Dinge anders liefen, als sie uns zunächst in Aussicht gestellt worden waren. Meine Eltern hatten diese Entwicklungen oft schon im Vorfeld erwartet, ich tat ihre

Einschätzungen jedoch lange als übertrieben oder unbegründet ab. Erst mit zunehmendem Alter begann ich genauer hinzusehen und besser zu verstehen, wie Abläufe und Strukturen „hinter verschlossenen Türen“ tatsächlich funktionieren. Gleichzeitig wurde die erlebte Ungerechtigkeit zunehmend durch Statistiken und Studien belegbar. Da wurde mir klar: Es waren keine Zufälle, und meine Eltern hatten sich ihre Erfahrungen nicht aus Frust eingebildet. Es war unsere Realität und auch die vieler anderer Menschen, auch wenn es in unserem Fall eine besondere Härte hatte.

Das große Vertrauen in den Rechtsstaat, mit dem ich buchstäblich aufgewachsen bin, entpuppte sich als meine größte Enttäuschung. Ich verspürte eine enorme Wut auf das System, das dahintersteht, und eine ebenso große Wut auf mich selbst, weil ich diese Zusammenhänge nicht früher erkannt hatte. Diese Wut nahm ein solches Ausmaß an, dass ich irgendwann nur noch einen Weg sah mit ihr umzugehen: Jeden Tag darauf hinzuarbeiten, betroffene Menschen aus sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen so früh wie möglich aufzuklären, damit sie sich nicht mit jedem weiteren Jahr ihres Bleiberechts in Deutschland tiefer in rechtliche Verstrickungen verfangen, die irgendwann kaum noch auflösbar sind. Nicht zuletzt auch deshalb, weil von meinen Eltern – und unserer Familie insgesamt – häufig Dinge erwartet wurden, die man von deutschen Staatsbürger:innen in dieser Form niemals verlangen würde – um ein Besipiel zu nennen: Die vielen Behördengänge.

Wo hat sich Dein Ehrenamt positiv im Blick auf Chancengleichheit ausgewirkt?

Mir wurde sehr früh klar, dass Wissen kein neutraler Besitz ist, sondern ein Machtinstrument. Und noch früher habe ich gemerkt, dass das Wissen, zu dem ich mir mühsam Zugang erarbeitet habe, in meinem Umfeld keineswegs selbstverständlich war. Es war aber nicht so, dass die Menschen in meinem Umkreis nicht interessiert oder fähig gewesen wären, sondern weil ihnen nie erklärt wurde, dass sie ein Recht darauf haben, zu verstehen. Genau dort hat mein Ehrenamt angesetzt. Ich habe verstanden, dass das juristische Denken, das ich im Studium erlerne, nicht im Hörsaal bleiben darf – dass es eine Verantwortung mit sich bringt, gerade gegenüber denen, denen rechtliches Wissen über Jahre hinweg systematisch vorenthalten wurde. Wenn ich heute mit Betroffenen spreche, sehe ich oft dieselbe Unsicherheit, die wir damals hatten: Das Gefühl, einer Behörde ausgeliefert zu sein, Entscheidungen hinnehmen zu müssen, ohne sie einordnen oder hinterfragen zu können. Mein Ehrenamt war für mich der Versuch, diesen Zustand zumindest punktuell zu durchbrechen, indem ich Wissen teile, erkläre, übersetze – mit einem gravierenden Unterschied: Nicht von oben herab zu beraten, sondern auf Augenhöhe. Es geht dabei darum, Menschen das Gefühl zurückzugeben, nicht ohnmächtig zu sein; dass sie verstehen dürfen, was mit ihnen passiert und dass sie sich wehren können, bevor sich rechtliche Probleme über Jahre hinweg aufstauen und irgendwann unauflösbar werden, so wie wir es erlebt haben.

Wie sieht für Dich das Ideal eines chancengleichen Studiums aus?

Ein chancengleiches Studium würde zunächst anerkennen, dass Studierende nicht mit denselben Voraussetzungen starten und dass diese Unterschiede nicht individuell verschuldet sind. Für mich beginnt das bei der ernsthaften Kontrolle von Prüfungsleistungen, denn solange Prüfungen der zentrale Maßstab bleiben, braucht es transparente, überprüfbare Mechanismen, die willkürliche oder verzerrte Bewertungen sichtbar machen. Beschwerdewege dürfen nicht nur formal existieren, sie müssen wirklich nutzbar sein ohne Angst vor Konsequenzen oder Stigmatisierung.

Darüber hinaus halte ich es für notwendig, die Fixierung auf den NC aufzubrechen. Ein Motivationsschreiben oder vergleichbare Instrumente könnten nicht nur dabei helfen, falsche Erwartungen an das Jurastudium frühzeitig abzufangen, sondern auch sichtbar machen, wer sich diesen Weg trotz widriger Umstände bewusst und reflektiert zutraut. Denn eine Abiturnote erzählt oft mehr über Herkunft, Schulform und Unterstützung als über tatsächliches Potenzial.

Im Studienverlauf selbst müsste das Jurastudium dringend entlastet werden. Die extreme Konzentration auf wenige Prüfungswochen im Staatsexamen ignoriert völlig, dass nicht alle Studierenden die gleichen zeitlichen, finanziellen und mentalen Ressourcen haben, um sich monatelang ausschließlich darauf vorzubereiten. Studienbegleitende Leistungen, Abschichten oder alternative Prüfungsformate könnten den Druck verteilen und verhindern, dass jahrelange Arbeit an zwei Wochen scheitert – vor allem vor dem Gesichtspunkt der erheblichen Existenzängste, wenn man bereits aus einem finanziell schwachen Haushalt stammt. Und schließlich geht es um Planbarkeit. Für Studierende aus sozial-ökonomisch benachteiligten Verhältnissen ist ein Studium ohne zeitliche und finanzielle Vorhersehbarkeit existenziell belastend. Wer früher arbeiten muss, um die eigene Existenz oder die der Familie zu sichern, kann sich kein jahrelanges „Vielleicht“ leisten. Chancengleichheit bedeutet hier auch, früher Klarheit zu schaffen über Bestehen, Nichtbestehen oder zumindest realistische Perspektiven.

Was   ist    das   größte    Versäumnis   der    Fakultäten,   wenn    es    um   mehr Chancengleichheit in der juristischen Ausbildung geht?

Das größte Versäumnis ist aus meiner Sicht das Beharren auf einem vermeintlichen Neutralitätsideal, das reale Ungleichheiten ausblendet. Das zeigt sich sehr konkret in der Zusammensetzung von Prüfungskommissionen, die noch immer häufig weder divers noch geschlechtergerecht besetzt sind, obwohl es längst möglich wäre. Damit wird stillschweigend festgelegt, welche Perspektiven als objektiv gelten dürfen.

Ebenso problematisch ist der Umgang mit Erstakademiker:innen und Studierenden aus nicht-akademischen Haushalten. In Einführungsveranstaltungen wird oft vorausgesetzt, dass alle wissen, wie ein Studium „funktioniert“, welche informellen Regeln gelten und welche Entscheidungen langfristige Konsequenzen für den Studienverlauf und darüber hinaus haben. Für viele ist das schlicht nicht der Fall. Wenn Fakultäten, viel mehr noch Universitäten es nicht einmal schaffen, diese Unterschiede offen zu benennen oder auf Anlaufstellen hinzuweisen, wird Chancengleichheit von Beginn an unterlaufen und das wahrscheinlich nicht mal aus böser Absicht, sondern aus Blindheit gegenüber den Strukturen.

Gibt es Aspekte oder Initiativen, die als gutes Beispiel lobend hervorzuheben sind?

Ja, vor allem Mentoring-Programme, die aus der Studierendenschaft selbst heraus entstehen. Sie schließen Lücken, die Universitäten über Jahre hinweg offengelassen haben. Besonders wertvoll sind diese Initiativen dort, wo sie nicht nur „symbolisch“ existieren, sondern tatsächlich begleitet, finanziert und ernst genommen werden. Noch wichtiger ist jedoch, dass Universitäten solche Programme nicht als freiwilliges Zusatzangebot in der Freizeit Einzelner betrachten, sondern als integralen Bestandteil einer chancengerechten Ausbildung. Dort, wo das passiert, verändert sich spürbar etwas.

Welche Möglichkeiten haben Studierende, sich an der Universität für die Chancengleichheit einzubringen?

Chancengleichheit beginnt eigentlich oft im Kleinen. Studierende können Mentor:innen werden, sich in Programmen engagieren oder ihre Erfahrungen weitergeben. Aber sie beginnt auch dort, wo man seine eigenen Privilegien reflektiert und bereit ist, Wissen zu teilen, etwa indem man Kommiliton:innen mitnimmt, Dinge erklärt, die man selbst vielleicht für selbstverständlich hält oder einfach aufmerksam bleibt. Auch Engagement in Law Clinics kann ein Weg sein, juristisches Wissen früh sinnvoll einzusetzen und das nicht nur für andere, sondern auch, um selbst zu verstehen, wofür dieses Studium eigentlich da ist.

Hat sich das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau im Studium angenähert? Falls nein, welche wesentlichen Unterscheidungen lassen sich noch immer erkennen?

Auf dem Papier ja, aber in der Realität nicht unbedingt. Dass heute mehr Frauen Jura studieren, ändert wenig daran, dass viele von ihnen auf dem Weg zu bestimmten juristischen Berufen verloren gehen. Entscheidend ist nicht der Studienbeginn, sondern wer sich am Ende durchsetzen kann, wer gefördert wird, wer sichtbar ist und wer überhaupt als passend wahrgenommen wird. Die gläserne Decke beginnt nicht erst im Beruf, sondern oft schon im Studium.

Wo trägt das Prestige des Studiums dazu bei, dass Strukturen starr bleiben?

Das Jurastudium vermittelt früh einen Habitus des Rechtshabens als ein Selbstverständnis, das Macht zwar nicht immer offen zeigt, aber fast ständig ausübt.

Dieser Habitus prägt auch das Miteinander unter Studierenden, denn wer nicht dazugehört, wer die Codes nicht kennt oder sich ihnen nicht anpassen kann, bleibt außen vor. Das zeigt sich beim Bilden von Lerngruppen, beim Netzwerken und bei der Frage, wer überhaupt als „ambitioniert“ oder „förderwürdig“ gilt.

Besonders deutlich wird das in der Ansprechkultur: Studierende, die von Professor:innen gezielt auf eine Promotion angesprochen werden, fühlen sich gesehen und gehen diesen Weg oft auch, da es auch eine indirekte Ermutigung und Bestärkung ist, diesem Titel würdig zu sein – gleichzeitig also eine Entmutigung für all diejenigen, die z.B. migrantisiert sind und es ihren sichtbaren Merkmalen zuschreiben, nicht dafür „geeignet“ zu sein. Die notwendige Sichtbarkeit dieser setzt jedoch Netzwerke voraus, die viele benachteiligte Studierende nie aufbauen konnten. Unbewusste Vorurteile verstärken das zusätzlich. So werden diejenigen ausgeschlossen, die sich ohnehin schon in einer geschlossenen akademischen Welt behaupten müssen und verlieren Chancen, lange bevor sie wissen, dass es sie überhaupt gegeben hätte.

Vielen Dank für das Interview und Deine intensiven Einblicke Zahra!

Entnommen aus Recht_reloaded 1/2026.

 

Johanna Oswald

Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V.