14.07.2026

Reproduktive Gerechtigkeit neu denken

Das Forschungsnetzwerk ReproGerecht

Reproduktive Gerechtigkeit neu denken

Das Forschungsnetzwerk ReproGerecht

Das Forschungsnetzwerk ReproGerecht widmet sich Rechts-, Gesellschafts-, Ethik- und Medizinfragen.  | © mejn - stock.adobe.com
Das Forschungsnetzwerk ReproGerecht widmet sich Rechts-, Gesellschafts-, Ethik- und Medizinfragen.  | © mejn - stock.adobe.com

Forschungsnetzwerke sind mehr als nur lose Zusammenschlüsse von Wissenschaftler:innen. Sie verbinden dort, wo einzelne Forschungsbereiche an ihre Grenzen stoßen. Dabei bündeln sie nicht nur Wissen und schaffen Räume für Austausch, vielmehr ermöglichen sie komplexe gesellschaftliche Fragestellungen gemeinsam zu denken und zu erforschen. Genau das braucht es im Recht heute mehr denn je, denn viele der besonders umkämpften Themen lassen sich nicht mehr sinnvoll isoliert dogmatisch erforschen, weil sie soziale Wirklichkeiten und politische Machtfragen unmittelbar berühren. Reproduktive Rechte sind so ein Feld, an dem sich zeigt, wie sehr das Recht gesellschaftliche Bedingungen strukturiert und wie stark es selbst normativ und politisch geprägt ist.

Reproduktive Rechte sind mehr als individuelle Entscheidungen

Dabei betreffen reproduktive Rechte nicht nur die Entscheidung, ob und unter welchen Bedingungen Schwangerschaften beendet oder ermöglicht werden dürfen, vielmehr werfen sie Kernthemen des demokratischen Verfassungsstaates wie juristische Zugangsrechte, Grundrechte und staatliche Steuerungsansprüche auf und reichen vom Schutz der körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung über Fragen des Familienrechts bis zu sozialen Teilhaberechten. Zugleich geht es um die Möglichkeit, diese Rechte tatsächlich wahrzunehmen: Welche Voraussetzungen, Ressourcen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind notwendig, damit Menschen gleiche Freiheit in reproduktiven Entscheidungen haben? Reproduktive Gerechtigkeit hat den Anspruch, strukturelle Ungleichheiten und Ausschlüsse sichtbar zu machen und damit einen Beitrag zu ihrer Überwindung zu leisten. Rechtspolitisch steht dabei immer die Frage im Raum, wie individuelle Selbstbestimmung, soziale Gerechtigkeit und staatliche Verantwortung in Einklang gebracht werden können.

Das Netzwerk ReproGerecht

Das Forschungsnetzwerk ReproGerecht widmet sich genau diesem Spannungsfeld. Es erforscht Rechts-, Gesellschafts-, Ethik- und Medizinfragen an der Schnittstelle von Familie, Recht und Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit, insbesondere im Hinblick auf aktuelle rechtspolitische und gesellschaftliche Fragestellungen. Ziel ist es, eine disziplinübergreifende Diskussion zu fördern, die theoretische Grundlagen und praktische Aspekte reproduktiver Selbstbestimmung beleuchtet und in Austausch bringt. Ergebnisse und Erkenntnisse sollen nicht nur im wissenschaftlichen Raum bleiben, sondern in Praxis- und Politikprozesse sowie die öffentliche Debatte hineinwirken.


Gegründet wurde das Netzwerk von drei äußert fachkundigen Wissenschaftlerinnen, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven bearbeiten: Professorin Dr. Anne- Kristin Kuhnt bringt demographische und sozialwissenschaftliche Zugänge ein, Professorin Dr. Henrike von Scheliha arbeitet familien- und rechtsvergleichend, und Professorin Dr. Dana-Sophia Valentiner forscht zu verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Fragen der reproduktiven Selbstbestimmung.

Ein konkreter Ausdruck dieser Arbeit sind die zahlreichen Veranstaltungen, zu denen Interessierte eingeladen sind. ReproGerecht organisiert regelmäßig Vorträge und Workshop- bzw. Austauschformate, in denen Fragen um reproduktive Gerechtigkeit, Elternschaft, Familienrecht oder medizinische Zugangsbedingungen interdisziplinär diskutiert werden. Beispielhaft war im Dezember 2025 ein Vortrag zum „Elternstatus und Elternsein“ im Familienrecht von Anna Schneeberg oder im März 2026 eine Lesung von Lucy Chebout zu ihrem Buch „Aufgedrängte Natürlichkeit“.

Ein zentraler Bestandteil der Netzwerkarbeit ist aber auch die jährlich stattfindende wissenschaftliche Tagung. Sie bringt Forschende aus verschiedenen Disziplinen zusammen, um aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen der reproduktiven Gerechtigkeit zu diskutieren und neue Forschungskooperationen zu initiieren. Die Tagung verbindet (in)formelle Vernetzungsformate und bietet sowohl für kritische Auseinandersetzungen als auch für den kollegialen Austausch Raum.

Lust auf mehr?

In diesem Jahr findet die Tagung vom 29. bis 30. Juni 2026 an der Helmut-Schmidt- Universität in Hamburg unter dem Titel „Gewollt, geregelt, gerecht? Interdisziplinäre Perspektiven auf Schwangerschaftsabbrüche, Körper und Autonomie“ statt.

Mehr Infos dazu, zu weiteren Veranstaltungen und zur Arbeit des Netzwerks gibt es auf der Website www.reprogerecht.de und auf Instagram @reprogerecht.

Entnommen aus Recht_reloaded 1/2026.

 

Kira Kock

stud. jur., Universität Münster