Ehrenamt auf eigene Gefahr
Was passiert, wenn Engagement mehr kostet als Zeit?
Ehrenamt auf eigene Gefahr
Was passiert, wenn Engagement mehr kostet als Zeit?

Ehrenamtliches Engagement gilt als Paradebeispiel studentischer Selbstwirksamkeit und ist schon lange nicht mehr nur ein Randphänomen. Wer sich engagiert, übernimmt Verantwortung, gestaltet Hochschule mit und sammelt wertvolle Erfahrungen jenseits des Hörsaals.
Studierende wirken in Fachschaften, beraten in Law Clinics, Hochschulgruppen, politischen Initiativen oder vertreten Interessen in Gremien und fangen auf, was das Studium selbst nicht leistet. Vereinzelt gibt es Lob, teils Dankesworte und gelegentlich einen Eintrag für den Lebenslauf. Was es hingegen kaum gibt, ist Schutz.
Denn wer sich im Studium ehrenamtlich engagiert, übernimmt Verantwortung in einem System, das Risiken konsequent individualisiert. Haftung, psychische Belastung und strukturelle Abhängigkeiten werden stillschweigend mitgedacht, aber selten offen benannt. Ehrenamt ist freiwillig, doch freiwillig bedeutet nicht folgenlos. Das gilt insbesondere dann, wenn Engagement nicht im vermeintlich rechtsfreien Raum stattfindet, sondern mitten in institutionellen Machtverhältnissen.
Wer mitgestaltet, trägt Verantwortung mit. Wer mithilft, haftet mit. Und wer Probleme anspricht, riskiert mehr als einen Applausverlust.
Was den Hochschulkontext besonders macht, ist die enge Verzahnung von Engagement und den damit verbundenen institutioneller Machtverhältnissen. Studierende engagieren sich häufig in Gremien, in denen Sie zugleich Abhängigkeiten ausgesetzt sind – gegenüber Professor:innen, Prüfenden oder Verwaltungsstrukturen.
Wer sich kritisch äußert, hochschulpolitische Forderungen vertritt oder Missstände anspricht, tut dies nicht selten in einem System, in dem dieselben Personen später über die Punkte, Prüfungen oder gar die akademische Laufbahn entscheiden.
Diese Mehrfachrollen sind kein Zufall, sondern Ergebnis der hochschulpolitischen Struktur. Engagement wird so zur Gradwanderung zwischen Mitgestaltung und Selbstgefährdung. Am Ende stellt sich die Frage, wie viel persönliches Risiko man bereit ist einzugehen, um die Interessen vieler zu vertreten.
Das Risiko ist dabei nicht nur rechtlicher Natur- sondern vor allem sozialer und psychologischer Art. Mitbestimmung verliert Ihren Wert, wenn Kritik mit persönlichem Risiko verbunden ist.
Besonders deutlich zeigt sich das in der Fachschaftsarbeit. Fachschaften sind zentrale Anlaufstellen, Interessenvertretung, Beratungsinstanz und soziales Netzwerk zugleich. Sie fangen vieles auf, was das Studium selbst nicht leistet.
Doch dieses Bild hat Risse: Überlastung Einzelner, Ämterhäufung, mangelnde Übergaben und intransparente Strukturen gehören vielerorts zum Alltag. Verantwortung wird getragen wie in einer Institution – Entscheidungen getroffen, Gelder verwaltet –, jedoch ohne vergleichbare Unterstützung oder Absicherung.
Dass ehrenamtlich tätige Studierende dabei auch persönlich haften können, bleibt häufig unbekannt. Haftungs- und Versicherungsfragen werden verdrängt, während der Idealismus die fehlenden Strukturen ersetzt.
Während Fachschaften einen essenziellen Beitrag für die Hochschulpolitik auf lokaler Ebene an den Universitäten leisten, endet die hochschulpolitische Laufbahn nicht dort. Die Fachschaften sind auf Landes- und sogar Bundesebene vernetzt, um ihre Reichweite auszubauen und ihre Stimme in strukturellen Angelegenheiten gebündelt an die Entscheidungsträger:innen zu richten. Diese Bündelung erfordert ebenfalls Organisation und Koordinierung, die oftmals aufwendiger und umfangreicher ist als auf Fachschaftsebene.
Diese strukturellen Defizite sind kein Einzelfall, sondern spiegeln sich auch in den Erfahrungen vieler Studierender wider. Zwar engagiert sich ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Jurastudierenden ehrenamtlich, gleichzeitig geben jedoch viele an, bewusst darauf zu verzichten.
Nicht aus Desinteresse, sondern weil beispielsweise zeitliche Ressourcen oder die Studienbelastung es nicht zulassen. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Engagement oft dort an seine Grenzen stößt, wo das Studium selbst bereits an die Belastungsgrenze führt.
Gerade in der Fachschaftsarbeit wird diese Schieflage deutlich: hohe Arbeitsbelastung, mangelnde Übergaben, Wissensmonopole und eine Konzentration von Verantwortung auf wenige Personen. Fachschaften funktionieren häufig, weil Einzelne dauerhaft mehr leisten, als eigentlich zumutbar ist. Dass dies langfristig weder für die Betroffenen noch für die Strukturen nachhaltig ist, wird offen benannt.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Ehrenamtliches Engagement wird im Jurastudium oft als notwendiger Ausgleich zu einem als praxisfern und belastend empfundenen Ausbildungssystem verstanden. Fachschaften, Law Clinics und Initiativen übernehmen Aufgaben, die eigentlich institutionell verankert sein müssten – Beratung, Unterstützung, Vernetzung, Orientierung, Praxiserfahrung. Engagement wird damit nicht nur Ausdruck von Mitgestaltung, sondern zunehmend zum Lückenfüller eines Systems, das selbst zu wenig trägt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine unbequeme Frage: Wie freiwillig ist Engagement noch, wenn es zur Stütze eines überlasteten Systems wird? Und wie nachhaltig ist ein System, das auf Idealismus angewiesen ist, ohne ihn zu schützen?
Ehrenamt ist eben kein rechtsfreier Raum – aber es sollte ein geschützter sein.
Vielleicht braucht es einen Perspektivwechsel: Weg vom Ehrenamt als unbegrenzter Ressource, hin zum Ehrenamt als schützenswertem Bestandteil akademischer Kultur.
Universitäre Selbstverwaltung lebt vom Engagement der Studierenden. Sie braucht Gremien, in denen Mitwirkung möglich ist und Beteiligung ernst genommen wird. Doch dieses
Engagement entfaltet seinen Wert nur dort, wo es nicht dauerhaft mit Abhängigkeiten, Machtgefällen und persönlichen Risiken verknüpft ist. Genau das ist aber nicht der Fall.
Engagement im Hochschulkontext wird noch immer zu selten konsequent vom institutionellen Machtgefüge getrennt. Studierende übernehmen Verantwortung, ohne ausreichend geschützt zu sein. Doppelrollen bleiben bestehen, Zuständigkeiten verschwimmen, Risiken werden individualisiert. Das ist weder fair noch nachhaltig.
Wenn Ehrenamt im Studium langfristig bestehen soll, braucht es mehr als gute Absichten. Es braucht klare rechtliche Rahmenbedingungen, transparente Strukturen und niedrigschwellige Schutzmechanismen. Mitbestimmung setzt Augenhöhe voraus. Personen sollten sich nicht
dauerhaft in Gremien gegenüberstehen, die zugleich in hierarchischen oder prüfungsrelevanten Beziehungen zueinanderstehen.
Weiterhin braucht es Haftungsaufklärung, Versicherungslösungen, unabhängige Schutz- und Ombudsstellen und Strukturen, die Engagement ermöglichen, ohne es zu verbrauchen und Rollenkonflikte bestmöglich verhindern. Schutz darf nicht davon abhängen, ob man sich “Kritik” leisten kann.
Solange Studierende Verantwortung tragen wie Institutionen, ohne deren Schutz zu haben, bleibt Engagement eine persönliche Wette mit hohem Einsatz.
Entnommen aus Recht_reloaded 1/2026.


